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Rezension - Kein Freund außer den Bergen

Worum geht's?

Behrouz Boochani, kurdisch-iranischer Journalist, hat ein Ziel: Australien. Er landet allerdings auf Manus Island in einem sogenannten Auffanglager. Was er dort erlebt und wie er als staatenloser Flüchtling behandelt wird, schildert er in diesem Buch. Seine Geschichte, monatelang per Handy-Kurznachrichten an seinen Übersetzer geschrieben, ist ein bedrückendes und authentisches Werk über die unbarmherzige Situation der Flüchtlinge ausgesetzt sind.


Mein Eindruck

In diesem Buch begleiten wir Behrouz Boochani auf seiner Flucht nach Australien. Das dies kein gewöhnlicher Roman oder Augenzeugenbericht ist, wird direkt auf den ersten Seiten klar. Immer wieder ist die Handlung von kleinen Gedichten unterbrochen. Gedichte die das Geschehene auf eine andere Art beschreiben. Sie sind mal bedrückend und voller Furcht, mal offen und rufen nach Freiheit. Sie geben dem Buch eine ganz besondere Färbung und sind ein faszinierendes Stilmittel um den Leser in den Kopf des Autors schauen zu lassen.

 

Das Buch ist verallgemeindernd ausgedrückt in zwei Teile geteilt. Der erste und deutlich kürzere Teil beschreibt die Zeit auf See, die Zeit die der Autor mit unzähligen anderen menschen auf einem kleinen Boot teilt, dass kaum den Kräften des gewaltigen Ozeans gewappnet ist. Dieser Teil des Buches ist hart, ehrlich und direkt. Eine ungeschönte Beschreibung in einem ständigen Wechsel von Hoffnung & Furcht. 

 

Der zweite Teil, der einen Großteil des Buches einnimt, spielt im Auffanglager auf der Insel Manus. 

Dieser Teil ist deutlich atmosphärischer geschrieben. Man bekommt als Leser ein gutes Gefühl wie sich die Situation, zu Unrecht und ohne Aussicht auf Besserung, eingesperrt zu sein anfühlen mag. Das Leiden ist weniger sichtbar als im "ersten" Teil, dafür geht es tiefer. Man spürt wie der Autor in seinen Gedanken immer wieder abdriftet und sich in der Schönheit der Sprache verliert um seinem Alltag etwas Wärme zu geben und damit einen starken Kontrast zu dem sonst grauen und kalten Gefängnisalltag setzt. Verzweiflung & Hoffnungslosigkeit sind auch ganz ohne "Action"-Szenen spürbar. 

Trotz aller Symbolik und Atmosphäre macht der Autor keinen Halt vor knallharten Fakten und genauen Beschreibungen der Zustände. Und diese sind einfach nur unmenschlich und verachtenswert - es ist eine systematische Erniedrigung und besonders psychische Folter. Den Internierten (so nennt der Autor die festgehaltenen Flüchtlinge) wird Stück für Stück die Individualität und Identität genommen. Bei dem was der Autor ausspricht, möchte man nicht wissen was er alles verschwiegen hat...

 

Umso beeindruckender ist es, das Behrouz Boochani dieses Buch während der Zeit seiner Inhaftierung geschrieben, besser gesagt getippt hat. Auf seinem Handy in über 1000 Kurznachrichten. Seine ganz besondere Auflehnung gegenüber der Diktatur im Gefängnis. Wir lernen aus der Beobachterperspektive auch einige Mitgefange kennen. Dies lockert den Text nicht nur auf, sondern ist auch ein weiteres Stilmittel um die Geschehnisse lebendig und authentisch wirken zu lassen. Es geht hier nicht um ein Einzelschicksal, sondern ein unmenschliches System dem sehr viele Menschen ausgesetzt sind. Umso wichtiger ist dieses Buch.

 

Mit hat beim Lesen manchmal die Orientierung gefehlt, da Beobachtungen, Handlungen, Rückblicke durcheinanderkommen. Das Ende ist ebenfalls etwas offen gehalten. Zudem gibt es auch Stellen im Buch die etwas träge daher kommen, in denen der Autor in seinen Gedanken sehr weit abschweift. Möglicherweise ist das aber auch eine Metapher für den Wunsch nach Freiheit, den Wunsch nicht nur frei sondern auch irgendwo angekommen zu sein, sich heimisch zu fühlen. 

 

Etwas das für mich toal verständlich ist, für viele Menschen aber eben nicht. Und besonders für Menschen wie Behrouz Boochani nicht, der sich zurecht fragt ob Kurden noch irgendwelche Freunde haben, außer den Bergen.

 

 

Bewertung

 - der Verlag hat mir dankenswerterweise ein Rezesionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies beeinflusst meine Bewertung nicht - 

 

Ein bewegendes Buch, welches viel mehr als ein reiner Augenzeugenbericht ist. Behrouz Boochani findet eine außergewöhnliche Sprache um das Erlebte zu verarbeiten und trifft mit den poetischen Momenten einen einzigartigen Ton. Das macht das Buch so "echt" und auch anders als man es erwarten würde. Einige Passagen sind zwar etwas träge und schweifen sehr stark ab, in Summe ist es aber ein wirklich tolles Buch und eine kleine literarische Perle. Ein Zeugnis für die Macht des geschriebenen Wortes.

 

8/10 Seiten 

 

Fakten

Autor: Behrouz Boochani

Seitenzahl: 444

Verlag: btb

ISBN: 9783442758586

 

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